Wohin mit den Gefühlen?
Notfallseelsorge
Feuerwehrleute werden in ihren Einsätzen fast täglich mit schrecklichen Bildern von Krankheiten, tragischen Unfällen bis hin zum Tod ihrer Mitmenschen konfrontiert. Für die Verarbeitung ihrer Eindrücke bleibt oft keine Zeit.
Friedrich Fogelpohl, Seelsorger bei der Beckumer Feuerwehr:
"Durch meinen Eintritt im März 1995 als Pfarrer in die Freiwillige Feuerwehr Beckum habe ich einen Schritt vollzogen, um Unterstützung zu geben. Durch die fast 20jährige Tätigkeit als Polizeiseelsorger für den Kreis Warendorf habe ich immer wieder bei Einsätzen engen Kontakt mit den Mitgliedern der Feuerwehr gehabt. Doch erst vor einigen Jahren ist mir anläßlich eines schweren Verkehrsunfalles deutlich geworden, wie wenig Hilfe die Kräfte der Feuerwehr erfahren.
Oftmals haben diese Kräfte Einsätze zu fahren, die tiefe, belastende Spuren bei einzelnen hinterlassen. Da geht einem das Bild nicht mehr aus dem Kopf von Schwerverletzten oder Getöteten.
Besonders wenn es sich dabei um Kinder handelt oder wenn die Opfer durch Alter, Kleidung oder Aussehen an einen Menschen erinnern, den wir aus unserer unmittelbaren Umgebung kennen, können Probleme bei den Helfern auftauchen, weil sie sich ungewollt mit dem Opfer identifizieren.
Es ist wichtig, dass dann ein Gesprächspartner zur Verfügung steht, mit dem der Einsatz nachbesprochen werden kann. Das Gespräch löst manches, was für eine vollständige Verarbeitung wichtig ist. AIs Feuerwehrseelsorger stehe ich jederzeit als Gesprächspartner zur Verfügung, und durch meine Mitgliedschaft in der Feuerwehr Beckum setze ich ein Zeichen, daß ich dann da bin, wenn ich von den Kräften der Feuerwehr gebraucht werde. Auch in der Aus-, Fort- und Weiterbildung stehe ich zur Verfügung.
Notfallseelsorge bedeutet für mich auch Seelsorge an Opfern bzw. an deren Angehörigen, an Verursachern von schweren Verkehrsunfällen, an Menschen, die in akuter Gefahr sind, z. B. durch Selbstmordabsicht, Verlust eines Angehörigen, Verlust der Wohnung durch Feuer. Die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit allen Kräften der Rettungsdienste ist dabei wichtigste Voraussetzung."
Keine Zeit zum Nachdenken
Im Einsatz wird gehandelt!
Wenn Menschen oder Tiere aus Notlagen befreit, Brände gelöscht, Verletzte oder Kranke versorgt werden, wenn in Notfällen geholfen wird, dann ist für Gefühle keine Zeit.
Es gibt kaum eine berufsmäßige oder ehrenamtliche Helfergruppe, die mit soviel Leid, Sterben und Tod konfrontiert wird wie Feuerwehrleute und Rettungskräfte.
Feuerwehren und Rettungskräfte kommen immer wieder zum Einsatz, wenn der Rahmen funktionierender Normalität verlassen wird.
Mit großer technischer Professionalität erledigt man als Einsatzkraft dann seine Aufgabe,
- für die man seine Bereitschaft erklärt hat,
- für die man ausgebildet wurde,
- die man trainiert hat,
- ohne die eine erfolgreiche Arbeit nicht möglich ist,
nämlich Betroffenen in Not zu helfen.
Und doch lässt sich einiges so einfach nicht wegstecken.
Die Bilder holen Dich ein!
Nicht nur spektakuläre große Einsätze, auch alltägliche Routineaufgaben können Eindrücke hinterlassen, die immer wieder hochkommen und nicht so schnell zu verarbeiten sind.
Man wird konfrontiert mit:
- entsetzlich verstümmelten oder verbrannten Menschen
- sterbenden Menschen
- erfolgloser Reanimation von Kindern und Erwachsenen
- plötzlichem Kindstod
- Opfer sinnloser Gewalt und Folgen von Kriminalität
- Massenunfällen, zum Teil bei extremen Witterungseinflössen, wo auch die eigene Gesundheit auf dem Spiel steht
- Suizidenten
- der Tatsache, dass unsere Hilfe trotz aller Anstrengung zu spät kommt
und vielen anderen belastenden Ereignissen.
Zweifeln braucht man dann nicht an seiner fachlichen Qualifikation.
Aber es belastet, wenn man manchmal nur ohnmächtig zusehen kann, dass so etwas in unserer hochtechnisierten und zivilisierten Welt möglich ist.
Wenn es einfach zuviel wird...
Solche Einsätze können ganz heftig „an die Nieren gehen“.
Eines ist allen gemeinsam: Man behält die Bilder, die sich da geboten haben, ganz prägnant in Erinnerung. Man kann unter Umständen nach Jahren noch jede Einzelheit wiedergeben. Ganz besonders erschwerend wirkt, wenn Kinder oder eigene Kameraden betroffen sind.
Die erlebten Bilder brennen sich in die Seele ein. Das ist eine natürliche Reaktion.
Problematisch wird es, wenn man des Nachts die Erlebnisse als Alpträume wieder erlebt, wenn am Tag diese Szenen unkontrolliert erscheinen und wenn dieses mit Stressreaktionen, Unruhe, Herzrasen, Schweißausbrüchen oder Angstzuständen einhergeht.
Wenn die Konfrontation mit einem Extremerlebnis solche oder ähnliche Spuren hinterlässt und alles nicht mehr so ist, wie vor dem Einsatz, ist dieses kein Grund zur Panik.
Viele dieser Reaktionen lassen sich durch Gespräche während bzw. nach dem Einsatz beeinflussen.
Doch diese Erlebnisse kann und will man oft aus verständlichen Gründen nicht mit seinen Familienangehörigen besprechen; es würde häufig auch deren Belastung nach sich ziehen.
Die Kollegen am Arbeitsplatz und der Freundeskreis scheiden ebenfalls als Gesprächsbasis meistens aus.
Einsatznachbesprechungen bewegen sich eigentlich immer nur im Rahmen einer techni-schen Qualitätsrückschau.
Unsere Arbeit braucht aber auch weiterhin menschliche Qualitäten, starke Helfer. Stark sein heißt für uns nicht nur, seinen Körper zu trainieren, sondern auch, sich mit seelischen Belastungen bewusst und konstruktiv auseinander zusetzen. Oft helfen schon Gespräche mit bestimmten Feuerwehrangehörigen oder Einsatzleitern. Es kann befreien und erleichtern, eigene Belastungen einfach mal anzusprechen und damit kurzfristig „Druck abzulassen“.
Doch für ein ausführliches Gespräch fehlt im Arbeitsalltag oft die Gelegenheit.
Wir haben Zeit für Sie!
Wir, das sind häufig die örtlichen Pfarrerinnen oder Pfarrer, die Kontakt mit den Feuerwehren pflegen,
das sind häufig Notfallseelsorger, die im regionalen Bereich tätig sind,
das sind ganz bestimmt die „Fachberater Seelsorge“ in den Feuerwehren.
Der Landesfeuerwehrverband Nordrhein-Westfalen hat in Zusammenarbeit mit den Kirchen und dem Innenministerium NW ein Konzept entwickelt, nach dem die psychosoziale Betreuung von Einsatzkräften durch die „Fachberater Seelsorge“ in den Feuerwehren wahrgenommen werden kann.
Durch die Einbindung dieser Fachberater in Ausbildung, Einsatz und Nachsorge bei belastenden Ereignissen soll erreicht werden, dass
- das Thema „seelische Belastungen im Einsatz“ bewusst angesprochen wird,
- zum offenen Umgang mit seelischen Belastungen angeregt wird,
- seelische Belastungen als etwas Normales akzeptiert werden,
- Wege und Möglichkeiten aufgezeigt werden, die es uns ermöglichen, unsere Belastungen wirksam und sinnvoll zu bearbeiten.
Die Fachberater Seelsorge kennen unsere Arbeit, zudem sind sie für ihre Tätigkeit besonders ausgebildet.
Die Zusammenarbeit innerhalb der Feuerwehr regelt der Wehrführer gemäß der Laufbahnverordnung.
Aber jede Feuerwehrfrau / jeder Feuerwehrmann hat auch die Möglichkeit, sich direkt an die Fachberater Seelsorge zu wenden.
An alle Einsatzkräfte richtet sich dieses Angebot!
Rufen Sie den Fachberater an, wenn Sie es wünschen!
Die Fachberater arbeiten
- vertraulich
- verschwiegen
- unbürokratisch
- ohne Kosten für Sie!
- ohne lange Wartezeit!
- auf Wunsch anonym!
Unser Ziel ist es, dass Sie binnen 24 Stunden Ihr erstes Gespräch vereinbaren können!
Ihr örtlicher Ansprechpartner:
Friedrich Vogelpohl
ev. Pfarrer i.R., Feuerwehr-, Notfall- und Polizeiseelsorger
für den Kreis Warendorf
Am Himmelreich 28
59269 Beckum
Telefon: 02521/8578547
In dringenden Fällen alarmierbar über die Leitstellen der Feuerwehr und der Polizei des Kreises Warendorf
Weitere Informationen: Beauftragter des LFV NRW
Bezirksbrandmeister Leo Balan, Telefon 02363/731518